The Poet Must Not Avert His Eyes

Messerkampf

1. The Poet Must Not Avert His Eyes, dahinter steckt ja auch die Idee, dass sich einem etwas über die Welt offenbart, wenn man nur hartnäckig hinsieht. Eine induktive Methode, die funktioniert, solange man vor Ort präsent ist – so Herzog. Der Bericht über die Welt aus zweiter Hand – aus Zeitungen, Büchern, TV usw. – hat dagegen eingebüßt, was der Poet als Material für sein Schaffen benötigt. In ihnen ist die Welt, die etwas zu enthüllen hätte, bereits durch einen Kopf und eine Feder gegangen und während dieses Prozesses ist das, wovor der Poet sein Auge nicht abwenden darf, in den meisten Fällen verzerrt worden oder abhandengekommen. Das poetische Potential der Welt hat sich in einem akademischen Einordnen aufgelöst.

J. L. Borges

Als Gegenbeispiel lässt sich Borges, der argentinische Dichter, anführen. Im Schutz seines umfriedeten Gartens und seiner Bibliothek besang dieser die Messerkämpfe der Gauchos. Nach eigener Aussage glaubte er lange, in den Straßen der tückischen Vorstädten Buenos Aires’ groß geworden zu sein. Doch dem war nicht so. Er ist in den Büchern groß geworden. Mit den Fährnissen Südamerikas kam er auf dem gesicherten Grundstück seiner Kindheit nicht in Berührung.

The Poet Must Not Avert His Eyes ist vor allem auch eine Formel, die nicht die Welt da draußen im Sinn hat, sondern die Welt im Poeten selber, die sogenannte „innere Welt“. Denn das ist überhaupt am schwierigsten, sich dem zu stellen, was man in sich findet oder finden könnte.

WrestleMania

2. Es genügt nicht, furchtlos und fortwährend den Blick auf die Welt zu richten. Herzogs Überlegungen zu WrestleMania, die er in Zusammenarbeit mit Dr. Herb Golder (also doch die Akademie!) entwickelt hat, belegen das. Es ist nicht damit getan, einfach zu sehen. Das tun ja Millionen. Man muss etwas mitbringen, ein Wissen über die Entstehung der griechischen Tragödie in diesem Fall. Erst vor diesem Hintergrund erschließen sich die Wahrheiten über WrestleMania und Anna Nicole Smith. Man braucht also ein Wissen und man braucht die Gabe der Beobachtung (des Schauens, würde Bichsel sagen). Und dann muss man 1 + 1 zusammenzählen und schließlich kommt in Herzogs Fall, das Erzählertalent hinzu.

Das sind die Zutaten der Küche der Wirklichkeit.

3. Ein passendes Herzog-Zitat von anderer Stelle:

Yeah, well, I’m interested in WrestleMania, because I think that Herb Golder, who is here with us, who has worked with me, believes that in WrestleMania there are crude forms of mythology and dramas going on and they are not in the fights. The fights are interrupted by commercials, but when the owner of the—of this whole enterprise shows up in the ring and his wife, allegedly his wife, in black sunglasses and in a wheelchair, is wheeled in and she has become blind because of grief because he, her husband, has four blond babes with breast installations like this on his arm and scolds her and says, “You’re stupid, you don’t have any boobs like this,” and the son steps up and confronts his father, but not in defense of the mother. The son steps up because he wants more of the money, he wants more of the pie of the money, so and I’m convinced that and Herb Golder is convinced that ancient Greek drama had some crude proto-forms that emerged a little bit like that.