Nützt Literatur?

In der Zeitschrift SCHWEIZER BUCHHANDEL stellte mir Mathias W. Schmid die Frage: „Nützt Literatur?“. Ich habe geantwortet:

Unter einem Nutzen wird laut Duden ein Vorteil, ein Gewinn oder ein Ertrag verstanden. Man kann also die Meinung vertreten, dass Literatur nützt, weil sie über den Verkauf von Büchern Geld einbringt. Dieses Geld ist für viele Literaturschaffende nie reichlich gewesen und wird für die meisten je länger je weniger. Gottfried Benn hat einmal berechnet, dass er mit seinen Gedichten, die immerhin etwas bekannter sind als meine, einen Monatslohn von vier Mark erwirtschaftete. Das ist nicht effizient. Von dieser Regel gibt es Ausnahmen, Autoren und Autorinnen, die sich dumm und dämlich verdienen; und das für gewöhnlich mit Literatur, die dumm ist und dämlich macht. Erbringt die Literatur, abgesehen von Gewinn und Ertrag, darüber hinaus aber irgendeinen non-monetären Vorteil? Dies ist eine Frage, die oberflächlich oft mit ja beantwortet wird, wahrscheinlich, weil es bequem ist und man sich dann keine weiteren Gedanken über die Reichweite der eigenen Intellektualität zu machen braucht. Eigentlich müsste die Antwort aber nein lauten, denn, das berühmte Diktum, dass Literatur noch nie etwas Negatives hat verhindern können, stimmt. Geht man wie die Wissenschaft davon aus, dass reichlich Negatives auf uns alle, die Menschheit, lawinenartig zurollt, muss man sich fragen, was man überhaupt noch in der Literatur verloren hat und ob man die eigene Kraft und Energie nicht besser in andere Vorhaben stecken würde. Z.B. sich zu überwinden, weniger zu kaufen, anstatt so viel zu kaufen; Gemüse zu grillen, anstatt Steaks; und in den Ferien zu Hause auszuspannen und sich zu überlegen, wie man etwas Sinnvolles anstellen könnte mit dem eigenen Leben, anstatt nach Indochina zu fliegen. Zeugkaufen, Fleischessen und Herumfliegen gehören ja gerade zu den Dingen, die das Negative heraufbeschwören, lehrt uns die Wissenschaft. Und leider vermag die Literatur nicht zu erwirken, dass Sie daraus die richtigen Konsequenzen ziehen; dafür müssen Sie schon selber sorgen. Erwarten Sie nicht von der Literatur, dass sie Ihre schrecklichen Versäumnisse korrigiert, vielen Dank.