Auch hier übten sich die Worte eher in der Kunst der Verschleierung als in der Kunst der Enthüllung

Auf den Seiten 355 und 356 von Roberto Bolaños 2666 (Fischer Taschenbuch Ausgabe, 2011) lesen wir eine Passage, die ein Theoriefragment des Romans darstellen könnte und zugleich – das ist eine gewagte These – Bolaños Motivation diesen zu verfassen:

Um die Mitte oder gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, sagt der Weißhaarige, pflegte die Gesellschaft den Tod durch das Filtersieb der Worte zu streichen. Liest man Bericht aus jener Zeit, könnte man meinen, dass es damals fast keine Kriminalität gab oder dass ein Mord imstande war, ein ganzes Land zu erschüttern. Wir wollten den Tod nicht im Haus, nicht in unseren Träumen und Phantasien, und doch ist es eine Tatsache, dass fürchterliche Verbrechen begangen wurden, Metzeleien und Vergewaltigungen jeglicher Art, sogar Serienmorde. Die meisten Serienmörder wurden natürlich nie gefasst, denken Sie nur an den berühmtesten Fall jener Zeit. Niemand wusste, wer Jack the Ripper war. Alles durchlief den sorgsam unserer Angst angepassten Filter der Worte. Was tut ein Kind, wenn es Angst hat? Es schließt die Augen. Und schreit, aber zuerst schließt es die Augen. Dazu dienten die Worte. Interessant ist, dass die Archetypen menschlichen Irrsinns und menschlicher Grausamkeit nicht von den Vertretern jener Epoche, sondern von unseren Urahnen erfunden wurden. Die Griechen haben das Böse gewissermaßen erfunden, sie sahen das Böse, das wir alle in uns tragen, aber die Zeugnisse, die Beweise für dieses Böse erschüttern uns nicht mehr, sie erschienen uns belanglos, unverständlich. Das Gleiche gilt für den Wahnsinn. Es waren die Griechen, die ein Panoptikum des Wahnsinns entwarfen, und doch sagt uns dieses Panoptikum heute nichts mehr. Sie werden einwenden: Alles verändert sich. Sicher, alles verändert sich, die Archetypen jedoch verändern sich nicht, genauso wenig wie unsere Natur sich verändert. Eine plausible Erklärung ist, dass die damalige Gesellschaft sehr klein war. Ich spreche vom neuzehnten, achtzehnten, vom siebzehnten Jahrhundert. Klar, sie war klein. Die meisten Menschen blieben von der Gesellschaft ausgeschossen. Im siebzehnten Jahrhundert zum Beispiel starben auf jedem Sklavenschiff mindestens zwanzig Prozent der Ware, also der Farbigen, die zum Verkauf auf den Märkten von, sagen wir, Virginia transportiert wurden. Und weder regte sich irgendjemand darüber auf noch wurde daraus eine Schlagzeile in der Zeitung von Virginia, noch forderte irgendjemand den Kopf des Kapitäns, der das Sklavenschiff befehligt hatte. Wenn dagegen ein Farmer in einem Anfall von Wahnsinn seinen Nachbarn umbrachte, im Galopp nach Hause sprengte und kaum abgestiegen, seine Frau erstach, unterm Strich zwei Tote, versetzte das die Gesellschaft von Virginia für mindestens sechs Monate in einen schockzustand, und die Geschichte vom Mörderreiter konnte Generationen überdauern. Oder die Franzosen. Während der Pariser Kommune von 1871 wurden Tausende von Menschen umgebracht, und niemand weinte ihnen eine Träne nach. Im gleichen Zeitraum ermordete ein Scherenschleifer Frau und Mutter (nicht ihre Mutter, lieber Freund, sondern seine eigene) und wurde dann von der Polizei erschossen. Die Nachricht ging nicht nur durch sämtliche französischen Zeitungen, sondern fand auch in der europäischen Presse und sogar im Examiner aus New York Erwähnung. Erklärung: Die Toten der Pariser Kommune gehörten nicht zur Gesellschaft, die Farbigen, die auf den Schiffen umkamen gehörten nicht zur Gesellschaft, die in einer französischen Provinzhauptstadt ermordete Frau und der Mörderreiter aus Virginia dagegen schon, das heißt, was ihnen zustieß, konnte man schreiben und lesen. Auch hier übten sich die Worte eher in der Kunst der Verschleierung als in der Kunst der Enthüllung. Oder vielleicht enthüllten sie auch etwas. Aber was, das kann ich Ihnen leider nicht sagen.

¡Se nos va a tomar todo el vino!

Das Gedicht am Ende:

POEMA PARA EVM

ROBERTO BOLAÑO

Qué lugar es ése al que nos llevarán nuestras palabras, las
bellas durmientes, por caminos a menudo distintos, qué eriazo,

qué infierno, qué nos espera allí, Enrique, en esa blancura en la
que nos reuniremos finalmente, qué aullidos, qué silencio,

qué permutaciones nos aguardarán cuando hayamos
atravesado todo lo que hay que atravesar, cuando nos
hayamos despojado de todo, qué olvidos, qué.

En algún lugar infinito se esconde, en un tiempo que nos es
ajeno, que ni siquiera nos molestamos en mensurar, allí, donde
tiene una casa nuestro terror de alquiler.

Systeme und Soldaten, ein paar Gedanken zu Bolaño

Sehe mir eine Podiumsdiskussion über Roberto Bolaño auf YouTube (Bolaño y el pop) an. Teilnehmer sind: Rodrigo Fresán, A.G. Porta, Dunia Gras und Patricio Pron, der offenbar brieflich mit Bolaño verkehrte.

Fresán liest eine längere E-Mail Bolaños vor, zwei, drei Seiten. Sie handelt von Andy Warhol. Bolaño unternimmt eine Charakterisierung und Einordung Warhols, spickt diese leichtfüßig mit literarischen und künstlerischen Referenzen, bricht das Panorama auf, geht über Warhol hinaus. Alles in virtuos einfacher Sprache. Fast gierig klebe ich an Fresáns Lippen, über die die Worte des Chilenen wie fließende Kristalle gehen. Es handle sich bei dem Text um nichts Redigiertes, sondern um eine Art „Chat“, entstanden im Zeitraum von nicht mehr als einer Stunde, das ist kaum zu glauben. Wenige würde etwas Vergleichbares in taglanger Arbeit hinkriegen.

Zweierlei wird mir bewusst:

(1) Bolaño befasste sich von Kindesbeinen an mit der Literatur. Sehr intensiv. Die Literatur wurde zu seinem „System“, wie Lacan und Hegel zum System Zizeks geworden sind. Bolaño kannte die Literatur aus dem Effeff. Mit vielen lebenden Schriftstellern führte er Schriftwechsel. Alles, was auf ihn zukam, wusste er auf organische Weise in das „System Literatur“ einzuordnen, so wie Zizek fähig ist, jedes Problem, das sich ihm stellt, dadurch anzugehen – überzeugend anzugehen –, dass er diesem den korrekten Platz im Hegel-Lacan-Universum zuweist.

Ein solches System zu besitzen, hat mindestens einen großen Vorteil: Es segnet einen mit traumwandlerischer Sicherheit. Nie tappt Bolaño im Dunkeln. Nie ist er verloren. Das System Literatur ist ein Computer, der jede Lochkarte auswertet, die man in seinen Schlitz steckt.

Gleichfalls hat der Charme, den Bolaño versprüht, damit zu tun. Mit der Festigkeit des Fundaments, auf dem er steht. Wo andere in den Bibliothek über Folianten brüten, um unter Qualen ein epigonales Feuilleton hervorzuwürgen, war Bolaño in der Lage, was immer er sah oder hörte, spontan und assoziativ mit der Literatur in Verbindung zu bringen. Und zwar in origineller, halt bolañesker Manier. Mit dem herkömmlichen Literaturgeplapper, dem Geplapper der zweiten, dritten und fünften Reihe, hat das nichts gemein. Bolaño der Autodidakt, der Rebell, das Kompendium.

(2) Die Disziplin Bolaños wird mehrfach von seinen Freunden gewürdigt. Er war ein Mann, der den größten Teil seines Lebens keinen „Erfolg“ hatte (keine Leser, keine namhaften Publikationen etc.). Mit eisernem Willen und ungebrochenem Elan arbeitete er trotzdem weiter. Jahrzehntelang. Er unterließ es keinen Tag, kaum eine Stunde, zu schreiben, zu lesen. An einem Punkt der Diskussion erklärt A.G. Porta, Bolaño habe, als er an den Detektiven arbeitete, bis zu 18 Seiten täglich geschafft (und zudem wusste er bis ins Detail, was sich bei Big Brother ereignet hatte). Die Rede ist von druckreifen Seiten. La literatura nazi verfasste er in einer Osterwoche. Wenn man angesichts dieser Schaffenskraft den Begriff „Genie“ bemühen will, soll man das von mir aus tun, doch mit folgender Präzisierung: 18 Seiten pro Tag, ein Buch in einer Woche, das waren alles andere als ein spontane, genialische Ausbrüche. Das umfassendste Talent wäre nichts gewesen, ohne jahrzehntelanges Schreibtraining. Bolaño selber bezeichnete sich als Marine, als Soldaten der amerikanischen Marine. Darunter verstand er jemanden, der sich für jede Eventualität vorbereit. Die bereits erwähnte E-Mail an Fresán lässt sich ebenfalls nur so erklären, dass Bolaño die spanische Sprache derart zu beherrschen gelernt hatte, dass er druckreife Sätze und Seiten in sagenhaftem Tempo hervorbrachte. Nur zu hoffen, dass aus seinem Nachlass noch vieles uns LeserInnen erreichen wird. Was muss dieser Mann für Briefe geschrieben haben, was für Tagebücher!

Horaz (Quintus Horatius Flaccus): Ars Poetica/Die Dichtkunst

Samuel_Gotthold_Lange_HorazBeim Lesen von Horaz in der orangefarbenen Reclam-Ausgabe fühle ich mich an Roberto Bolaño erinnert. Warum Bolaño? Vermutlich, weil bei Horaz eine vehemente Haltung greifbar wird; und weil Horaz allgemein eine Haltung vom Poeten fordert. In dieser Hinsicht ist es, als ob der Geist des Römers im Chilenen weiterlebte. Seinem Kurzgeschichtenband putas asesinas hat Bolaño ein Horaz-Motto vorangestellt.

Roberto_BolañoDie Ähnlichkeiten zwischen den beiden Männern haben sich damit nicht erschöpft. Sie bestehen zum Beispiel auch in ihrer Argumentationsweise, die keinem Schema folgt oder zu folgen scheint und sich, wie es im Nachwort der Ars Poetica heißt, allen Strukturierungsversuchen entzieht: „Man sieht sich wie durch die improvisierte Rede in einem vertraulichen Gespräch von Gegenstand zu Gegenstand geführt, ohne eine systematische Anordnung zu bemerken. Eindringliche Belehrung wechselt mit launiger Satire, Versenkung ins Detail mit summarischer Eile.“

Der Englische Wikipedia-Artikel zur Ars poetica spricht von einem Gedicht und nicht von einer theoretischen Schrift, ein Gedicht in Form eines Briefes. Bolaño hat seine Ansichten zur Literatur ebenfalls mit Vorliebe in Literatur verpackt, in Gedichte, Erzählungen, Romane und, in geringerem Umfang, in Essays und Kolumnen.

Horaz vertritt die Auffassung, Dichtung müsse sowohl unterhalten als auch belehren. Diese berühmt gewordene Maxime ist zuvor bereits von einem gewissen Neoptolemos von Parion formuliert worden, ein Dichter und Theoretiker aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.

Quintus_Horatius_FlaccusDie Kunde von Neoptolemos, die lange Zeit aus lediglich einer einzigen, wenig aufschlussreichen Referenz des spätantiken Porphyrio bestand, erreicht uns auf abenteuerlichem Weg. Sie findet sich nämlich in einem Buch eines epikurischen Philosophen, welches man bei Ausgrabungen im 18. Jahrhundert in der Bibliothek einer Villa entdeckt hatte. Die Villa gehörte wahrscheinlich einem Mitglied der Pisonensippe, dem Konsul L. Calpurnius Piso. Sie lag in Herculaneum, das 79 n. Chr. zusammen mit Pompeji durch einen Ausbruch des Vesuv verschüttet worden war.

In den geretteten Texten heißt es u.a.: „(11) Homer erfreut und nützt am meisten. / (12) Homer war der größte Dichter.“

Selbst diese Geschichte, für die Horaz nichts kann, weckt Reminiszenzen an Bolaños literarische Schnitzeljagden; und ebenso an diejenigen seines heißgeliebten Vorbilds: Jorge Luis Borges.

Horaz stellt zwei Forderungen an ein vollkommenes Kunstwerk: Einerseits muss es gewisse Kriterien erfüllen, andererseits muss der Dichter die Regeln seines Handwerks beherrschen und die richtige Einstellung zu diesen besitzen. Wiederum im Nachwort wird erläutert, wie Horaz das Bild des „poeta doctus“ prägte, „der die Gesetzte seiner Kunst reflektiert, die großen Muster der Vergangenheit studiert, sein Werk im Ganzen und im Detail immer weiter zu vervollkommnen strebt, auf das kritische Urteil seiner Kollegen hört und bereit ist, Rechenschaft abzulegen; ein Dichterbegriff, der sich scharf von der Vorstellung des spontanen Genies und einsamen Schöpfers unterscheidet, durch die er im 18. Jahrhundert abgelöst wurde.“

Schließlich verbindet Horaz seine Lehre der Dichtkunst mit der Ethik. „Der Ablauf des Gedichtes befördert psychagogisch den Prozeß der Selbstfindung. Das Gedicht sollte zum rechten Leben anleiten; mit der Ars Poetica will Horaz zum rechten Dichten führen und sieht seine Hauptaufgabe als Ratgeber darin, auf die ethische Funktion der Dichtung hinzuweisen.“ Dabei packt er seine Lehre selbst in die Form einer Dichtung.