Systeme und Soldaten, ein paar Gedanken zu Bolaño

Sehe mir eine Podiumsdiskussion über Roberto Bolaño auf YouTube (Bolaño y el pop) an. Teilnehmer sind: Rodrigo Fresán, A.G. Porta, Dunia Gras und Patricio Pron, der offenbar brieflich mit Bolaño verkehrte.

Fresán liest eine längere E-Mail Bolaños vor, zwei, drei Seiten. Sie handelt von Andy Warhol. Bolaño unternimmt eine Charakterisierung und Einordung Warhols, spickt diese leichtfüßig mit literarischen und künstlerischen Referenzen, bricht das Panorama auf, geht über Warhol hinaus. Alles in virtuos einfacher Sprache. Fast gierig klebe ich an Fresáns Lippen, über die die Worte des Chilenen wie fließende Kristalle gehen. Es handle sich bei dem Text um nichts Redigiertes, sondern um eine Art „Chat“, entstanden im Zeitraum von nicht mehr als einer Stunde, das ist kaum zu glauben. Wenige würde etwas Vergleichbares in taglanger Arbeit hinkriegen.

Zweierlei wird mir bewusst:

(1) Bolaño befasste sich von Kindesbeinen an mit der Literatur. Sehr intensiv. Die Literatur wurde zu seinem „System“, wie Lacan und Hegel zum System Zizeks geworden sind. Bolaño kannte die Literatur aus dem Effeff. Mit vielen lebenden Schriftstellern führte er Schriftwechsel. Alles, was auf ihn zukam, wusste er auf organische Weise in das „System Literatur“ einzuordnen, so wie Zizek fähig ist, jedes Problem, das sich ihm stellt, dadurch anzugehen – überzeugend anzugehen –, dass er diesem den korrekten Platz im Hegel-Lacan-Universum zuweist.

Ein solches System zu besitzen, hat mindestens einen großen Vorteil: Es segnet einen mit traumwandlerischer Sicherheit. Nie tappt Bolaño im Dunkeln. Nie ist er verloren. Das System Literatur ist ein Computer, der jede Lochkarte auswertet, die man in seinen Schlitz steckt.

Gleichfalls hat der Charme, den Bolaño versprüht, damit zu tun. Mit der Festigkeit des Fundaments, auf dem er steht. Wo andere in den Bibliothek über Folianten brüten, um unter Qualen ein epigonales Feuilleton hervorzuwürgen, war Bolaño in der Lage, was immer er sah oder hörte, spontan und assoziativ mit der Literatur in Verbindung zu bringen. Und zwar in origineller, halt bolañesker Manier. Mit dem herkömmlichen Literaturgeplapper, dem Geplapper der zweiten, dritten und fünften Reihe, hat das nichts gemein. Bolaño der Autodidakt, der Rebell, das Kompendium.

(2) Die Disziplin Bolaños wird mehrfach von seinen Freunden gewürdigt. Er war ein Mann, der den größten Teil seines Lebens keinen „Erfolg“ hatte (keine Leser, keine namhaften Publikationen etc.). Mit eisernem Willen und ungebrochenem Elan arbeitete er trotzdem weiter. Jahrzehntelang. Er unterließ es keinen Tag, kaum eine Stunde, zu schreiben, zu lesen. An einem Punkt der Diskussion erklärt A.G. Porta, Bolaño habe, als er an den Detektiven arbeitete, bis zu 18 Seiten täglich geschafft (und zudem wusste er bis ins Detail, was sich bei Big Brother ereignet hatte). Die Rede ist von druckreifen Seiten. La literatura nazi verfasste er in einer Osterwoche. Wenn man angesichts dieser Schaffenskraft den Begriff „Genie“ bemühen will, soll man das von mir aus tun, doch mit folgender Präzisierung: 18 Seiten pro Tag, ein Buch in einer Woche, das waren alles andere als ein spontane, genialische Ausbrüche. Das umfassendste Talent wäre nichts gewesen, ohne jahrzehntelanges Schreibtraining. Bolaño selber bezeichnete sich als Marine, als Soldaten der amerikanischen Marine. Darunter verstand er jemanden, der sich für jede Eventualität vorbereit. Die bereits erwähnte E-Mail an Fresán lässt sich ebenfalls nur so erklären, dass Bolaño die spanische Sprache derart zu beherrschen gelernt hatte, dass er druckreife Sätze und Seiten in sagenhaftem Tempo hervorbrachte. Nur zu hoffen, dass aus seinem Nachlass noch vieles uns LeserInnen erreichen wird. Was muss dieser Mann für Briefe geschrieben haben, was für Tagebücher!