Horaz (Quintus Horatius Flaccus): Ars Poetica/Die Dichtkunst

Samuel_Gotthold_Lange_HorazBeim Lesen von Horaz in der orangefarbenen Reclam-Ausgabe fühle ich mich an Roberto Bolaño erinnert. Warum Bolaño? Vermutlich, weil bei Horaz eine vehemente Haltung greifbar wird; und weil Horaz allgemein eine Haltung vom Poeten fordert. In dieser Hinsicht ist es, als ob der Geist des Römers im Chilenen weiterlebte. Seinem Kurzgeschichtenband putas asesinas hat Bolaño ein Horaz-Motto vorangestellt.

Roberto_BolañoDie Ähnlichkeiten zwischen den beiden Männern haben sich damit nicht erschöpft. Sie bestehen zum Beispiel auch in ihrer Argumentationsweise, die keinem Schema folgt oder zu folgen scheint und sich, wie es im Nachwort der Ars Poetica heißt, allen Strukturierungsversuchen entzieht: „Man sieht sich wie durch die improvisierte Rede in einem vertraulichen Gespräch von Gegenstand zu Gegenstand geführt, ohne eine systematische Anordnung zu bemerken. Eindringliche Belehrung wechselt mit launiger Satire, Versenkung ins Detail mit summarischer Eile.“

Der Englische Wikipedia-Artikel zur Ars poetica spricht von einem Gedicht und nicht von einer theoretischen Schrift, ein Gedicht in Form eines Briefes. Bolaño hat seine Ansichten zur Literatur ebenfalls mit Vorliebe in Literatur verpackt, in Gedichte, Erzählungen, Romane und, in geringerem Umfang, in Essays und Kolumnen.

Horaz vertritt die Auffassung, Dichtung müsse sowohl unterhalten als auch belehren. Diese berühmt gewordene Maxime ist zuvor bereits von einem gewissen Neoptolemos von Parion formuliert worden, ein Dichter und Theoretiker aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.

Quintus_Horatius_FlaccusDie Kunde von Neoptolemos, die lange Zeit aus lediglich einer einzigen, wenig aufschlussreichen Referenz des spätantiken Porphyrio bestand, erreicht uns auf abenteuerlichem Weg. Sie findet sich nämlich in einem Buch eines epikurischen Philosophen, welches man bei Ausgrabungen im 18. Jahrhundert in der Bibliothek einer Villa entdeckt hatte. Die Villa gehörte wahrscheinlich einem Mitglied der Pisonensippe, dem Konsul L. Calpurnius Piso. Sie lag in Herculaneum, das 79 n. Chr. zusammen mit Pompeji durch einen Ausbruch des Vesuv verschüttet worden war.

In den geretteten Texten heißt es u.a.: „(11) Homer erfreut und nützt am meisten. / (12) Homer war der größte Dichter.“

Selbst diese Geschichte, für die Horaz nichts kann, weckt Reminiszenzen an Bolaños literarische Schnitzeljagden; und ebenso an diejenigen seines heißgeliebten Vorbilds: Jorge Luis Borges.

Horaz stellt zwei Forderungen an ein vollkommenes Kunstwerk: Einerseits muss es gewisse Kriterien erfüllen, andererseits muss der Dichter die Regeln seines Handwerks beherrschen und die richtige Einstellung zu diesen besitzen. Wiederum im Nachwort wird erläutert, wie Horaz das Bild des „poeta doctus“ prägte, „der die Gesetzte seiner Kunst reflektiert, die großen Muster der Vergangenheit studiert, sein Werk im Ganzen und im Detail immer weiter zu vervollkommnen strebt, auf das kritische Urteil seiner Kollegen hört und bereit ist, Rechenschaft abzulegen; ein Dichterbegriff, der sich scharf von der Vorstellung des spontanen Genies und einsamen Schöpfers unterscheidet, durch die er im 18. Jahrhundert abgelöst wurde.“

Schließlich verbindet Horaz seine Lehre der Dichtkunst mit der Ethik. „Der Ablauf des Gedichtes befördert psychagogisch den Prozeß der Selbstfindung. Das Gedicht sollte zum rechten Leben anleiten; mit der Ars Poetica will Horaz zum rechten Dichten führen und sieht seine Hauptaufgabe als Ratgeber darin, auf die ethische Funktion der Dichtung hinzuweisen.“ Dabei packt er seine Lehre selbst in die Form einer Dichtung.