Ein Leben ohne Sinn und Zweck

Stellen Sie sich vor, Sie würden ewig leben. Stellen Sie sich vor, Sie wären unsterblich.

Natürlich würden Sie Lotto spielen. In Woche 1 gewännen Sie nichts. In Woche 2 Fehlanzeige. In Woche 3187 landeten Sie einen vierer und nach 448 Jahren knackten Sie zum ersten Mal den Jackpot. In Ihrem unsterblichen Leben wären Sie in der Lage unendlich viele Male Lotto zu spielen. Aus rein statistischer Notwendigkeit würden Sie also auch irgendwann gewinnen. Genau genommen: unendlich viele Male.

Sie wüssten, was es hieße, steinreich zu sein.

Solange Sie noch nicht im Lotto gewonnen hätten, oder in der langen Zeitspanne zwischen zwei Sechsern, gingen Sie weiterhin Ihrer gewohnten Arbeit nach. Selbstverständlich müssen auch Unsterbliche Ihren Vermieter bezahlen und die Nebenkosten tragen. Jedoch benötigten Sie keine Nahrung. Vielleicht würden Sie trotzdem essen und trinken – aus purem Genuss. Auf jede Art medizinischer Versorgung könnten Sie aber getrost verzichten.

Aus rein statistischen Überlegungen würden Sie irgendwann bei der Arbeit etwas gehörig vermasseln. Ruck-zuck würden Sie entlassen und nach einer Verkettung weiterer unglücklicher Zufälle landeten Sie schließlich in der Gosse. Auch das geschähe nicht nur einmal, sondern unendlich viele Male. Sie leben ja ewig. Perioden des unvorstellbaren Reichtums wechselten sich ab mit Epochen der bitteren Armut.

An den Wochenenden und in der Zeit, die andere für lebenserhaltende Massnahmen aufwenden, bekämen Sie reichlich Gelegenheit, sich Gedanken zu machen. Nebenberuflich würden Sie eine Ausbildung zum Zahnmediziner abschließen, zum Landwirt, zum Piloten, zum Trampolin-Akrobaten. Sie würden Geld sparen, Ihren Job schmeissen und Anwalt werden und den verhassten ehemaligen Arbeitgeber verklagen. Sie könnten Mathematik studieren oder Germanistik oder die Bau- und Funktionsprinzipen von Feststoffraketentriebwerken. Endlich fänden Sie Zeit, die Klassiker der Weltliteratur zu lesen – immer wieder. Sie wären in der Lage, Ihr Wissen unbeschränkt zu erweitern.

Sie flögen nach Japan, um die Präfektur Fukushima von Hand zu dekontaminieren. Sie wüssten, was es bedeutete ein Held zu sein.

Was Sie nicht heute täten, würden Sie morgen tun. Die Reihenfolge der Handlungen verlöre unweigerlich Ihre Bedeutung. Sie würden beispielsweise eine Bank überfallen und drei Geiseln erschießen. Sie säßen die Strafe ab, und im Anschluss tüftelten Sie in jahrelanger Akribie einen niet- und nagelfesten Masterplan zur Lösung des Nahostkonflikts aus. Verdientermaßen gewännen Sie den Friedensnobelpreis. In Ihrem unendlichen Leben bekämen Sie unendlich viele Friedensnobelpreise verliehen – wie auch diejenigen für Literatur und für Chemie und für Physik etc. Sie wüssten, was es bedeutete ein geläuterter Verbrecher zu sein und ein Wohltäter. Sie wären so etwas wie ein Gott.

Sie würden Ihr Leben mit Erfahrungen füttern. Es wäre ganz interessant, dieses Dasein, bis zu dem Punkt, an dem sich alles zu wiederholen begänne – undenklich viele Male.

Und stellen Sie sich nun vor, wir alle würden ewig leben. Denn warum sollte solches Glück nur Ihnen beschieden sein? Stellen Sie sich vor, wir alle wären unsterblich.

Natürlich würden wir Lotto spielen… usw.

In einem ewigen Leben wäre alles möglich. Aber alles wäre auch Zwang, ein sich endlos wiederholendes Diktat. Alles würde irgendwann einmal geschehen. Nur eines nicht: Nie würde man sterben. Und genau deshalb wäre die Welt bedeutungslos. Das Wissen um die Endlichkeit ist das einzige Wissen, das es gibt. Ein Leben ohne dieses Wissen, ohne den Tod, wäre ein Leben ohne Sinn und Zweck.