Die heimliche Gier des Wählers

Thomas Meyer im Tages-Anzeiger:

Wir sehen so viel Reichtum um uns herum, dass wir überzeugt sind, er sei auch uns real zugänglich, und dass wir bisher einfach nicht genug Glück gehabt, nicht fleissig genug gearbeitet oder noch nicht gründlich genug nach jener Möglichkeit gesucht haben, die uns die Tore zum Überfluss öffnet.

Oder aber wir erkennen den Reichtum nicht als Reichtum, den Überfluss nicht als Überfluss, die Ungleichheit nicht als Ungleichheit, da sie für uns Normalität geworden sind. Gleichzeitig sehen auch wir, die sogenannt Kleinen, nicht bloß unsere grundlegenden Bedürfnisse befriedig, nein, auch wir besitzen hierzulande deutsche Autos (im Plural), spazieren im Februar barfuß durch bodenbeheizte, trittschallgedämmte, außenisolierte Wohnungen, speisen MSC-Lachs und argentinische Entrecôtes, während anderswo ganze Landstriche in Elend und Chaos versinken. Und unbewusst oder bewusst verbinden wir diese Befriedigung unserer Bedürfnisse mit dem, was uns umgibt, mit dem, was uns als gesetzmäßig vorgegaukelt wird, mit den Verhältnissen, die wir längst als normal empfinden, die in Wahrheit jedoch eine historische Ungeheuerlichkeit darstellen. Und deshalb sind wir nicht bereit, etwas aufs Spiel zu setzten von alledem, sind nicht bereit, wirklich eine Entscheidung zu treffen über unsere Zukunft oder die Zukunft von etwas, das über uns hinausgeht, einer Humanität, denn beides – wir und die – das hängt schon eine ganze Weile untrennbar zusammen. Vielleicht wollen wir eine Demokratie, aber eines wollen wir ganz sicher nicht, eine demokratische Entscheidung, die wirklich etwas verändern könnte, denn verändern wollen wir ja nichts. Wir haben ihn schätzen gelernt unseren ebenso selbstgerechten wie blinden Wohlstand, und wir verlegen uns darauf, das, was wir Vorsprung nennen, das, was wir gegenüber den anderen herausgespielt haben, freizusprechen von jedem Verdacht. Und wir versuchen ihn, diesen Vorsprung, mit viel Ellbogeneinsatz über die Runden zu retten, wechseln lieber noch einen blutgrätschenden Verteidiger ein, anstatt auf die leise Stimme der Vernunft zu hören, die nicht erst seit kurzem versucht, uns etwas Wichtiges mitzuteilen, nämlich, dass das Spiel irgendwann mit einem Pfiff endet, wirklich endet, und dann – bewahre uns Gott.

Den Artikel von Thomas Meyer gibt es hier.