Alles Vortreffliche ist ebenso schwierig wie selten

Es macht sich immer gut, wenn Klappentexte mit dem 11. September, der Finanzkrise oder Migrationsproblemen aufwarten. Selbst mancher Schriftsteller glaubt, dass bloss noch relevant ist, was mit Terror und Krieg, Börsenkrach und Globalisierung zu tun hat. Offenbar soll Literatur mit journalistischer Eilfertigkeit konkurrieren, um wie beim Hase-Igel-Spiel rufen zu können: Ick bin all hier! Dabei hat ihr nie geschadet, was Hegel für die Philosophie reklamiert, nämlich ein Innehalten, das den Abend abwartet, an dem sich das Gewirr des Tages in anderem Licht zeigt als mitten im Gewühl.

Den ganzen Essay von Karl-Heinz Ott gibt es bei der NZZ.

Rachel in der Höhle der vergessenen Träume

RachelunddasPferdIch stoße auf dieses Foto von Rachel Mortenson neben einem schwarzen Pferd. Wer ist Rachel Mortenson? Ich weiß es nicht. Ich kopiere das Foto hierher, ohne zu wissen, warum. Es ist nichts daran. Es ist kitschig. Nur, dass die Energie in diesem Bild vom Pferd ausgeht und nicht von der Frau. Dem abgeschnittenen Kopf des Pferdes haftet eine atavistische Kraft an, eine Kraft, verliehen in einer Zeit vor der Zivilisation. Der halbmondartig gespannten Körper in der Ödnis. ChauvethorsesDas überdauert. Obwohl mir jetzt auffällt, dass das Pferd ohne Rachel in ihrem antik anmutenden, weißen Kleid, wohl nicht in der Lage gewesen wäre, diese Bilder bei mir zu wecken. Es ist also auch Rachel. Auch sie ist ein Atavismus. Kein Wunder bei unserer wenigstens 300’000 Jahre währenden Gesichte. Rachel in Rom, Rachel in Troja, Rachel in Byzanz. Rachel in der Höhle der vergessenen Träume.

Botschaften aus den Tunneln der Zeit

Tuts_Tomb_OpenedKluge führt ein Interview mit einem Mumienfachmann. Es gibt offenbar  bis zu 9000 Jahre alte Mumien, diese sind allerdings zufällig entstanden. Ausgetrocknete Indianer in nordamerikanischen Höhlen mit idealen Bedingungen. Ausgetrocknete Indianer in chilenischen Wüsten mit idealen Bedingungen usw.

Mumien bieten uns, im Gegensatz zur Schrift, einen unmittelbarer Zugang zur Gesichte. Ein alter Ägypter oder eine alte Äqypterin, der oder die eine Botschaft durch die Tunnel der Zeit schicken wollte, verfügte über zwei Möglichkeiten: Entweder er oder sie versah einen Papyrus mit Hieroglyphen oder er oder sie ließ sich nach dem Hinscheiden muifizieren.

Oetzi_RekonstruktionEine der bedeutendsten Mumien stammt aber nicht aus dem Niltal, sondern vom Tisenjoch in den Alpen: der Ötzi. Wusste gar nicht, dass der mit einiger Wahrscheinlichkeit auf der Flucht war. Wusste nicht, dass dem eine Schnittwunde an der Hand zugefügt worden war, wenige Tage vor seinem Tod. Wusste nicht, dass er über nur noch zwei Pfeile verfügte (hatte er die anderen im Kampf verschossen?), dass er eine Bronzeaxt bei sich trug, dass an die vierzig Tätowierungen, Striche und Kreuze, seinen Körper zeichneten, dass er in die Berge aufgestiegen, wieder abgestiegen und noch einmal aufgestiegen war, dass er reichlich gespeist hatte (Steinbockfleisch im Magen) und dass er offenbar lagerte, sich in Sicherheit wähnte – und dass er dann mit einem Pfeilschuss hinterrücks gemeuchelt wurde.

Dank der modernsten Wissenschaft wissen wir mehr über die letzten Tage des Ötzis als über so manchen berühmten Toten der Neuzeit, obschon dieser 5250 Jahre alt ist. Zu seiner Lebzeit, entstanden in Mesopotamien gerade die ersten Städte, aber es gab den Tempel von Knossos noch nicht, noch nicht die homerischen Epen, noch nicht die Pyramiden von Gizeh, noch nicht einmal Stonehenge.

Pannen bei der Bergung von Ötzi (Wikipedia):

  • Der Polizist, der am Entdeckungstag die Eisleiche aus dem Eis befreien wollte, beschädigte mit Pickel und Presslufthammer Ötzis Hüfte.
  • Vier Tage später verpackten Polizisten die Leiche und die dabeiliegenden Fundgegenstände in einem Plastiksack. Weil der Bogen für den Sack zu groß war, wurde er zerbrochen.
  • Der Bestatter in Vent brach Ötzis Arm, um ihn in einen Sarg legen zu können und in die Gerichtsmedizin nach Innsbruck zu bringen.
  • Der Gerichtsmediziner war geneigt, die Leiche zur Bestattung freizugeben, da bei alten Leichen kein Mörder am Leben und juristisch zu belangen ist, ehe der Prähistoriker Konrad Spindler von der Universität Innsbruck informiert wurde.