Manche Texte halten länger als ihr Verfallsdatum

Vielleicht ist es ja mein persönliches Problem. Mir wurde einfach noch nicht so oft gesagt, dass ich keine Angst zu haben brauche. Als Kind, in der Geisterbahn. Im Flugzeug, bei Turbulenzen. Als junger Möchtegernrapper auf einem abendlichen Streifzug durch die Münchner Vorstadt, als uns eine Gruppe etwas ernster zu nehmender Gangster mit vorgehaltenem Messer aufforderte, uns hinzuknien, unsere Taschen zu leeren, uns dann umzudrehen und zu rennen. Macht einfach, was wir sagen. Ihr habt nichts zu befürchten. Ich habe diesen Satz nie gerne gehört. Wenn er von meinen Eltern kam, fühlte ich mich dabei klein und unreif. Und wenn er von jemand anderem kam, empfand ich ihn als anmaßend und verlogen. Weil derjenige, der ihn äußert, sich damit über mich stellt. Wer sich in eine Position bringt, mir meine Angst zu nehmen, ermächtigt sich damit automatisch auch dazu, mir Angst zu machen, wenn er es für angebracht hält.

Heinz Helle hat einen schönen Text zum gestrigen Show-Down geschrieben. Er beleuchtet darin einen Aspekt, dem man auch am Tag danach noch Rechnung tragen sollte.

 

Auch hier übten sich die Worte eher in der Kunst der Verschleierung als in der Kunst der Enthüllung

Auf den Seiten 355 und 356 von Roberto Bolaños 2666 (Fischer Taschenbuch Ausgabe, 2011) lesen wir eine Passage, die ein Theoriefragment des Romans darstellen könnte und zugleich – das ist eine gewagte These – Bolaños Motivation diesen zu verfassen:

Um die Mitte oder gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, sagt der Weißhaarige, pflegte die Gesellschaft den Tod durch das Filtersieb der Worte zu streichen. Liest man Bericht aus jener Zeit, könnte man meinen, dass es damals fast keine Kriminalität gab oder dass ein Mord imstande war, ein ganzes Land zu erschüttern. Wir wollten den Tod nicht im Haus, nicht in unseren Träumen und Phantasien, und doch ist es eine Tatsache, dass fürchterliche Verbrechen begangen wurden, Metzeleien und Vergewaltigungen jeglicher Art, sogar Serienmorde. Die meisten Serienmörder wurden natürlich nie gefasst, denken Sie nur an den berühmtesten Fall jener Zeit. Niemand wusste, wer Jack the Ripper war. Alles durchlief den sorgsam unserer Angst angepassten Filter der Worte. Was tut ein Kind, wenn es Angst hat? Es schließt die Augen. Und schreit, aber zuerst schließt es die Augen. Dazu dienten die Worte. Interessant ist, dass die Archetypen menschlichen Irrsinns und menschlicher Grausamkeit nicht von den Vertretern jener Epoche, sondern von unseren Urahnen erfunden wurden. Die Griechen haben das Böse gewissermaßen erfunden, sie sahen das Böse, das wir alle in uns tragen, aber die Zeugnisse, die Beweise für dieses Böse erschüttern uns nicht mehr, sie erschienen uns belanglos, unverständlich. Das Gleiche gilt für den Wahnsinn. Es waren die Griechen, die ein Panoptikum des Wahnsinns entwarfen, und doch sagt uns dieses Panoptikum heute nichts mehr. Sie werden einwenden: Alles verändert sich. Sicher, alles verändert sich, die Archetypen jedoch verändern sich nicht, genauso wenig wie unsere Natur sich verändert. Eine plausible Erklärung ist, dass die damalige Gesellschaft sehr klein war. Ich spreche vom neuzehnten, achtzehnten, vom siebzehnten Jahrhundert. Klar, sie war klein. Die meisten Menschen blieben von der Gesellschaft ausgeschossen. Im siebzehnten Jahrhundert zum Beispiel starben auf jedem Sklavenschiff mindestens zwanzig Prozent der Ware, also der Farbigen, die zum Verkauf auf den Märkten von, sagen wir, Virginia transportiert wurden. Und weder regte sich irgendjemand darüber auf noch wurde daraus eine Schlagzeile in der Zeitung von Virginia, noch forderte irgendjemand den Kopf des Kapitäns, der das Sklavenschiff befehligt hatte. Wenn dagegen ein Farmer in einem Anfall von Wahnsinn seinen Nachbarn umbrachte, im Galopp nach Hause sprengte und kaum abgestiegen, seine Frau erstach, unterm Strich zwei Tote, versetzte das die Gesellschaft von Virginia für mindestens sechs Monate in einen schockzustand, und die Geschichte vom Mörderreiter konnte Generationen überdauern. Oder die Franzosen. Während der Pariser Kommune von 1871 wurden Tausende von Menschen umgebracht, und niemand weinte ihnen eine Träne nach. Im gleichen Zeitraum ermordete ein Scherenschleifer Frau und Mutter (nicht ihre Mutter, lieber Freund, sondern seine eigene) und wurde dann von der Polizei erschossen. Die Nachricht ging nicht nur durch sämtliche französischen Zeitungen, sondern fand auch in der europäischen Presse und sogar im Examiner aus New York Erwähnung. Erklärung: Die Toten der Pariser Kommune gehörten nicht zur Gesellschaft, die Farbigen, die auf den Schiffen umkamen gehörten nicht zur Gesellschaft, die in einer französischen Provinzhauptstadt ermordete Frau und der Mörderreiter aus Virginia dagegen schon, das heißt, was ihnen zustieß, konnte man schreiben und lesen. Auch hier übten sich die Worte eher in der Kunst der Verschleierung als in der Kunst der Enthüllung. Oder vielleicht enthüllten sie auch etwas. Aber was, das kann ich Ihnen leider nicht sagen.