Fiction und Faction – wahre Unwirklichkeit und unwahre Wirklichkeit

Javier Marías hat das Wort:

Die Wirklichkeit ist ein schlechter Romancier. Auch deshalb, weil es Zufälle gibt und absolut unglaubliche Dinge. In einem Roman würde man viele Dinge nicht akzeptieren, die im wahren Leben passieren.

Und:

Erfindung in der Fiktion ist nicht sehr facettenreich. Es ist mehr oder weniger ein und dieselbe Geschichte, die immer wieder in verschiedenen Zeiten erzählt wird. Das ist natürlich eine Übertreibung, aber das Material ist im Wesentlichen dasselbe für Shakespeare und die denkbar schlechteste TV-Serie. Es geht um Rache, Ehrgeiz, Gier, Eifersucht, um Leidenschaften und Heimlichkeiten. Der große Unterschied besteht darin, wie man mit dem Stoff umgeht. Im wahren Leben gibt es auch sehr wenig Variation. Deshalb sagt mein Erzähler, Fiktion und Wirklichkeit seien Zwillingsschwestern.

Und:

Viele Romanciers trauen der Fiktion nicht. Sie schreiben Faction. Doch selbst, wenn du etwas Reales erzählst, musst du es fiktionalisieren. Und wenn man umgekehrt eine erfundene Geschichte erzählt, fließen leicht Elemente aus der eigenen Erfahrung mit hinein.

Das ganze Interview gibt es hier.

Aufmerksam betrachten, was einen berührt, nicht das, was einen Namen hat

Im nächsten Raum, hoch oben an der Wand, hängt ein Riesengemälde, das aus nichts als einem länglichen schwarzen Klecks auf weißem Feld besteht. Hommage an die Spanische Republik 24 von Robert Motherwell, lautet die Beschriftung. Er ist gebannt. Bedrohlich und geheimnisvoll nimmt ihn die schwarze Form gefangen. Ein klang wie ein Gongschlag geht davon aus und entlässt ihn erschüttert und mit weichen Knien.
Woher nimmt sie ihre Macht, diese amorphe Form, die keine Ähnlichkeit mit Spanien oder mit sonst etwas hat, aber einen Springquell dunkler Gefühle in ihm auslöst? Sie ist nicht schön, spricht aber wie die Schönheit, gebieterisch. Warum hat Motherwell diese Macht und nicht Pollock oder van Gogh oder Rembrandt? Ist es dieselbe Macht, die sein Herz beim Anblick der einen Frau schneller schlagen lässt, bei der anderen aber nicht? Entspricht Hommage an die Spanische Republik einer in seiner Seele wohnenden Form? Wie ist das mit der Frau, die sein Schicksal sein wird? Ist ihr Schatten schon in seinem dunklen Inneren gespeichert? Wie lange noch, bis sie sich offenbart? Wenn sie es tut, wird er vorbereitet sein

J.M. Coetzee, Die Jungen Jahre

Tagebuch eines schlimmen Jahres

Ob ein Text kanonisch wird oder nicht, weiß man natürlich immer erst später. Aber wenn man am Ende dieses Jahrhunderts John M. Coetzees Tagebuch eines schlimmen Jahres zum Kanon seiner Anfangsjahre zählen sollte, wäre es deshalb, weil hier ein weltbekannter Autor die Tür zu einer neuen Art des Erzählens aufgestoßen hat. Man könnte es das nicht fiktionale Erzählen nennen. Der heute fast unumschränkt als Leitgattung herrschende Roman wollte sich seit seinen Anfängen von dem vorausgehenden Versepos dadurch unterscheiden, dass er sich dem Leben annäherte. Heinz Schlaffer hat ihn in einem berühmten Aufsatz als „das letzte Stadium der Literatur“ bezeichnet. So viel Kunstfertigkeit die Schriftsteller dem Roman auch angedeihen ließen, ihr höchster Triumph bestand seit dem 19. Jahrhundert darin, auf den Leser alles so wirken zu lassen, als sei es Wirklichkeit. Nicht zufällig sind alle naturalistischen Romane verfilmt worden.

Den ganzen Artikel von Stephan Wackwitz gibt es hier.

Nicht fiktionales Erzählen?

Ein Investmentbanker wollte also tatsächlich das Konto des Nobelpreisträges elektronisch plündern? Ich habe meine Zweifel. Gerade Coetzee spricht doch vom „wandelnden Feuer der Kunst“ (Die jungen Jahre). Man müsste es näher untersuchen, aber sein Projekt scheint mir ein ganz Anderes zu sein als dasjenige eines Knausgård.