Lukas Bärfuss – «Es ist Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen»

In der politischen Sprache bedeutet Unabhängigkeit heute Unabhängigkeit vom Ausland. Und wir wissen alle, dass es diese Unabhängigkeit nicht mehr gibt. Das ist politische Esoterik, ohne Anbindung an jede Form von Wirklichkeit. Die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen der Schweiz und der EU sind zu offensichtlich. Nicht einmal die Justiz ist noch unabhängig: wohin muss ich mich wenden, wenn ich auf Facebook ein Problem mit dem Persönlichkeitsschutz habe? Der Gerichtsstand liegt irgendwo im Silicon Valley. Es ist Obskurantismus, so zu tun, als könnten wir auf unserem Territorium unabhängig und direktdemokratisch bestimmen. Diese Zeiten sind längst vorbei. Der Begriff «unabhängig» bedeutet in der Realität heute mehr und mehr sein genaues Gegenteil. Wer sich nicht einbindet, wird fremdbestimmt. Wenn sich die Begrifflichkeiten zu weit von den Realitäten entfernen, ist das ein Schritt in Richtung Totalitarismus

– Lukas Bärfuss

Das ganze Interview gibt es hier.

¡Se nos va a tomar todo el vino!

Das Gedicht am Ende:

POEMA PARA EVM

ROBERTO BOLAÑO

Qué lugar es ése al que nos llevarán nuestras palabras, las
bellas durmientes, por caminos a menudo distintos, qué eriazo,

qué infierno, qué nos espera allí, Enrique, en esa blancura en la
que nos reuniremos finalmente, qué aullidos, qué silencio,

qué permutaciones nos aguardarán cuando hayamos
atravesado todo lo que hay que atravesar, cuando nos
hayamos despojado de todo, qué olvidos, qué.

En algún lugar infinito se esconde, en un tiempo que nos es
ajeno, que ni siquiera nos molestamos en mensurar, allí, donde
tiene una casa nuestro terror de alquiler.

Ich recke meine Faust gegen den wahlgrauen Himmel

Eine Passage aus J.M. Coetzees Eiserne Zeit:

Fernsehen. Warum schaue ich mir das an? Die Parade der Politiker jeden Abend. Ich brauche sie nur anzusehen, die feisten, leeren Gesichter, die mir seit der Kindheit so vertraut sind, und schon erfassen mich Trostlosigkeit und Ekel. Die Rüpel in der letzten Reihe der Schulbänke, grobknochige, klotzige Knaben, die jetzt erwachsen und aufgestiegen sind, um das Land zu regieren. Sie mit ihren Vätern und Müttern, ihren  Onkel und Tanten, ihren Brüdern und Schwestern: ein Heuschreckenschwarm, eine Plage schwarzer Heuschrecken, die über das Land herfallen, unablässig schmatzend, Leben verschlingend. Warum schaue ich sie mir an, erfüllt von Grauen und Abscheu? Warum lasse ich sie ins Haus? Weil die Herrschaft der Heuschreckenfamilie die Wahrheit Südafrikas ist, und die Wahrheit das ist, was mich krank macht? Die Mühe, Rechtsmäßigkeit zu beanspruchen, machen sie sich nicht mehr. Vernunft haben sie mit einem Achselzucken abgetan. Was sie gänzlich in Anspruch nimmt, ist Macht und die Starre der Macht. Essen und reden, Leben verschmatzen, rülpsen. Langsames, fettleibiges Gerede. In einem Kreis sitzen, gewichtig debattieren, Verordnungen erlassen wie Hammerschläge: Tod, Tod, Tod. Unbekümmert durch den Gestank. Schwere Augenlider, schweinische Augen, schlau mit der Schläue von Generationen von Bauern. Auch gegeneinander konspirierend: langsame Bauernkonspirationen, die generationenlang reifen. Die neuen Afrikaner, dickwanstige, feistwangige Männer auf ihren Bürohockern: Cetshwayo, Dingane in weißer Haut. Nach unten drückend: ihre Macht in ihrem Gewicht. Gewaltige Stierhoden, die auf ihre Weiber, ihre Kinder hinunterdrücken, den Funken aus ihnen hinausdrücken. Der Funke des Feuers in ihren eigenen Herzen erloschen. Träge Herzen, fett wie Blutwurst.

Und ihre Botschaft Stuß: stumpfsinnig gleichbleibend, stumpfsinnig immerzu dieselbe, stur. Nach jahrelangem Ausloten der Etymologie des Wortes – ihre Großtat: den Stumpfsinn zu einer Tugend erhoben zu haben. Abstumpfen, des Gefühls berauben; benommen machen betäuben; durch Verblüffung lähmen; starr vor Staunen machen. stupor; Empfindungslosigkeit, Apathie, Erstarrung des Geistes. Stupide: eingeschränkt in den Fähigkeiten, gleichgültig, bar des Denkens oder Fühlens. Von stupere, to be stunned, astounded. Eine Steigerung, ein Gefälle von stupid zu stunned zu astonished, zu Stein geworden. Die Botschaft: daß die Botschaft sich nie ändert. Eine Botschaft, die aus Menschen Steine macht.

Wir schauen hin, wie Vögel Schlangen anschauen. Fasziniert von dem, was uns gleich verschlingen wird. Faszination: das, womit wir unserem Tod huldigen. Zwischen acht und neun Uhr abends versammeln wir uns, und sie zeigen sich uns. Eine rituelle Kundgebung, wie während Francos Krieg die Prozessionen der Bischöfe im vollen Ornat. eine Thanatophanie: unseren Tod uns zeigend. Viva la muerte! ihr Schrei, ihre Drohung. Tod den Jungen. Tod dem Leben. Keiler, die ihre Frischlinge fressen. Der Keilerkrieg.

Ich sage mir, daß ich mir nicht die Lüge anschaue, sondern den Raum hinter der Lüge, wo die Wahrheit sein sollte. Aber ist das wahr?

Die permanente Empörungsbewirtschaftung

Historiker J. Tanner:

Heute wird oft von einer Entgegensetzung von «Volk» und «Classe politique» ausgegangen. Direkte Demokratie geht mit einer Verabsolutierung des Volkes einher. 2012 wurde eine rechtsradikale direktdemokratische Partei gegründet. Im Europa-Parlament schwenken extreme Nationalisten die Schweizerfahne. Da verliert die direkte Demokratie an Vertrauen und gerät in ein gefährliches Fahrwasser. Sie transportiert nicht mehr Sachpolitik, sondern wird zur permanenten Empörungsbewirtschaftung, zur gut geölten Kampagnenmaschinerie, die einen ausgeprägt europa- und fremdenfeindlichen Drall aufweist. In der heutigen experimentellen Versuchsanordnung sind grössere Unfälle nicht auszuschliessen.

Und:

Ich würde sagen, dass wir wieder verstärkt völkische Töne hören und dass ein Verständnis von Demokratie vorherrscht, das auf Ausschluss und der Schaffung von Sündenböcken abzielt.

Das ganze Interview gibt es hier.

Die heimliche Gier des Wählers

Thomas Meyer im Tages-Anzeiger:

Wir sehen so viel Reichtum um uns herum, dass wir überzeugt sind, er sei auch uns real zugänglich, und dass wir bisher einfach nicht genug Glück gehabt, nicht fleissig genug gearbeitet oder noch nicht gründlich genug nach jener Möglichkeit gesucht haben, die uns die Tore zum Überfluss öffnet.

Oder aber wir erkennen den Reichtum nicht als Reichtum, den Überfluss nicht als Überfluss, die Ungleichheit nicht als Ungleichheit, da sie für uns Normalität geworden sind. Gleichzeitig sehen auch wir, die sogenannt Kleinen, nicht bloß unsere grundlegenden Bedürfnisse befriedig, nein, auch wir besitzen hierzulande deutsche Autos (im Plural), spazieren im Februar barfuß durch bodenbeheizte, trittschallgedämmte, außenisolierte Wohnungen, speisen MSC-Lachs und argentinische Entrecôtes, während anderswo ganze Landstriche in Elend und Chaos versinken. Und unbewusst oder bewusst verbinden wir diese Befriedigung unserer Bedürfnisse mit dem, was uns umgibt, mit dem, was uns als gesetzmäßig vorgegaukelt wird, mit den Verhältnissen, die wir längst als normal empfinden, die in Wahrheit jedoch eine historische Ungeheuerlichkeit darstellen. Und deshalb sind wir nicht bereit, etwas aufs Spiel zu setzten von alledem, sind nicht bereit, wirklich eine Entscheidung zu treffen über unsere Zukunft oder die Zukunft von etwas, das über uns hinausgeht, einer Humanität, denn beides – wir und die – das hängt schon eine ganze Weile untrennbar zusammen. Vielleicht wollen wir eine Demokratie, aber eines wollen wir ganz sicher nicht, eine demokratische Entscheidung, die wirklich etwas verändern könnte, denn verändern wollen wir ja nichts. Wir haben ihn schätzen gelernt unseren ebenso selbstgerechten wie blinden Wohlstand, und wir verlegen uns darauf, das, was wir Vorsprung nennen, das, was wir gegenüber den anderen herausgespielt haben, freizusprechen von jedem Verdacht. Und wir versuchen ihn, diesen Vorsprung, mit viel Ellbogeneinsatz über die Runden zu retten, wechseln lieber noch einen blutgrätschenden Verteidiger ein, anstatt auf die leise Stimme der Vernunft zu hören, die nicht erst seit kurzem versucht, uns etwas Wichtiges mitzuteilen, nämlich, dass das Spiel irgendwann mit einem Pfiff endet, wirklich endet, und dann – bewahre uns Gott.

Den Artikel von Thomas Meyer gibt es hier.

Rachel in der Höhle der vergessenen Träume

RachelunddasPferdIch stoße auf dieses Foto von Rachel Mortenson neben einem schwarzen Pferd. Wer ist Rachel Mortenson? Ich weiß es nicht. Ich kopiere das Foto hierher, ohne zu wissen, warum. Es ist nichts daran. Es ist kitschig. Nur, dass die Energie in diesem Bild vom Pferd ausgeht und nicht von der Frau. Dem abgeschnittenen Kopf des Pferdes haftet eine atavistische Kraft an, eine Kraft, verliehen in einer Zeit vor der Zivilisation. Der halbmondartig gespannten Körper in der Ödnis. ChauvethorsesDas überdauert. Obwohl mir jetzt auffällt, dass das Pferd ohne Rachel in ihrem antik anmutenden, weißen Kleid, wohl nicht in der Lage gewesen wäre, diese Bilder bei mir zu wecken. Es ist also auch Rachel. Auch sie ist ein Atavismus. Kein Wunder bei unserer wenigstens 300’000 Jahre währenden Gesichte. Rachel in Rom, Rachel in Troja, Rachel in Byzanz. Rachel in der Höhle der vergessenen Träume.