Botschaften aus den Tunneln der Zeit

Tuts_Tomb_OpenedKluge führt ein Interview mit einem Mumienfachmann. Es gibt offenbar  bis zu 9000 Jahre alte Mumien, diese sind allerdings zufällig entstanden. Ausgetrocknete Indianer in nordamerikanischen Höhlen mit idealen Bedingungen. Ausgetrocknete Indianer in chilenischen Wüsten mit idealen Bedingungen usw.

Mumien bieten uns, im Gegensatz zur Schrift, einen unmittelbarer Zugang zur Gesichte. Ein alter Ägypter oder eine alte Äqypterin, der oder die eine Botschaft durch die Tunnel der Zeit schicken wollte, verfügte über zwei Möglichkeiten: Entweder er oder sie versah einen Papyrus mit Hieroglyphen oder er oder sie ließ sich nach dem Hinscheiden muifizieren.

Oetzi_RekonstruktionEine der bedeutendsten Mumien stammt aber nicht aus dem Niltal, sondern vom Tisenjoch in den Alpen: der Ötzi. Wusste gar nicht, dass der mit einiger Wahrscheinlichkeit auf der Flucht war. Wusste nicht, dass dem eine Schnittwunde an der Hand zugefügt worden war, wenige Tage vor seinem Tod. Wusste nicht, dass er über nur noch zwei Pfeile verfügte (hatte er die anderen im Kampf verschossen?), dass er eine Bronzeaxt bei sich trug, dass an die vierzig Tätowierungen, Striche und Kreuze, seinen Körper zeichneten, dass er in die Berge aufgestiegen, wieder abgestiegen und noch einmal aufgestiegen war, dass er reichlich gespeist hatte (Steinbockfleisch im Magen) und dass er offenbar lagerte, sich in Sicherheit wähnte – und dass er dann mit einem Pfeilschuss hinterrücks gemeuchelt wurde.

Dank der modernsten Wissenschaft wissen wir mehr über die letzten Tage des Ötzis als über so manchen berühmten Toten der Neuzeit, obschon dieser 5250 Jahre alt ist. Zu seiner Lebzeit, entstanden in Mesopotamien gerade die ersten Städte, aber es gab den Tempel von Knossos noch nicht, noch nicht die homerischen Epen, noch nicht die Pyramiden von Gizeh, noch nicht einmal Stonehenge.

Pannen bei der Bergung von Ötzi (Wikipedia):

  • Der Polizist, der am Entdeckungstag die Eisleiche aus dem Eis befreien wollte, beschädigte mit Pickel und Presslufthammer Ötzis Hüfte.
  • Vier Tage später verpackten Polizisten die Leiche und die dabeiliegenden Fundgegenstände in einem Plastiksack. Weil der Bogen für den Sack zu groß war, wurde er zerbrochen.
  • Der Bestatter in Vent brach Ötzis Arm, um ihn in einen Sarg legen zu können und in die Gerichtsmedizin nach Innsbruck zu bringen.
  • Der Gerichtsmediziner war geneigt, die Leiche zur Bestattung freizugeben, da bei alten Leichen kein Mörder am Leben und juristisch zu belangen ist, ehe der Prähistoriker Konrad Spindler von der Universität Innsbruck informiert wurde.

Jetzt etwas über das Essen von 5-Euro-Schnitzeln

Vincent Klink:

Man muss einmal überlegen. Man kauft sich mit einem billigen Schnitzel… gibt man etwas in sich hinein, wo ein Tier grausam gelebt hat, also man gibt sich diese Grausamkeit, [die] geht in den Mund rein bei einem und hinten wieder raus. Was hinterlässt das?

Den Ausschnitt aus dem Interview mit weiteren denkwürdigen Sätzen gibt es hier.

«Ich habe nichts dafür geleistet, dass ich in der Schweiz geboren wurde»

Interview mit Martino Mona in der Tageswoche. Zu lesen hier.

Es ist sehr erbärmlich, dass es so viele Tote direkt vor unserer Haustür brauchte, aber das Umdenken findet statt. Es wird aber noch nicht genügend abgebildet. Viele sind bereit, viel mehr Flüchtlinge aufzunehmen, allein aus Gründen der Menschlichkeit. Wenn 54 Prozent der befragten Leute nichts gegen ein Asylbewerberheim in ihrer Nachbarschaft einzuwenden haben, ist das viel aussagekräftiger als Anekdoten von irgendwelchen Schweizern in Chiasso, die gerade wegen ein paar Dutzend Eritreern ausflippen. Dass es heute eine Partei gibt, welche zur Abschreckung potenzieller Flüchtlinge die Einführung einer modernen Form der Sklaverei verlangen kann, ist sehr gravierend. Diese Politiker haben die Kontrolle über das Rad, an dem sie ständig drehen, komplett verloren.

Systeme und Soldaten, ein paar Gedanken zu Bolaño

Sehe mir eine Podiumsdiskussion über Roberto Bolaño auf YouTube (Bolaño y el pop) an. Teilnehmer sind: Rodrigo Fresán, A.G. Porta, Dunia Gras und Patricio Pron, der offenbar brieflich mit Bolaño verkehrte.

Fresán liest eine längere E-Mail Bolaños vor, zwei, drei Seiten. Sie handelt von Andy Warhol. Bolaño unternimmt eine Charakterisierung und Einordung Warhols, spickt diese leichtfüßig mit literarischen und künstlerischen Referenzen, bricht das Panorama auf, geht über Warhol hinaus. Alles in virtuos einfacher Sprache. Fast gierig klebe ich an Fresáns Lippen, über die die Worte des Chilenen wie fließende Kristalle gehen. Es handle sich bei dem Text um nichts Redigiertes, sondern um eine Art „Chat“, entstanden im Zeitraum von nicht mehr als einer Stunde, das ist kaum zu glauben. Wenige würde etwas Vergleichbares in taglanger Arbeit hinkriegen.

Zweierlei wird mir bewusst:

(1) Bolaño befasste sich von Kindesbeinen an mit der Literatur. Sehr intensiv. Die Literatur wurde zu seinem „System“, wie Lacan und Hegel zum System Zizeks geworden sind. Bolaño kannte die Literatur aus dem Effeff. Mit vielen lebenden Schriftstellern führte er Schriftwechsel. Alles, was auf ihn zukam, wusste er auf organische Weise in das „System Literatur“ einzuordnen, so wie Zizek fähig ist, jedes Problem, das sich ihm stellt, dadurch anzugehen – überzeugend anzugehen –, dass er diesem den korrekten Platz im Hegel-Lacan-Universum zuweist.

Ein solches System zu besitzen, hat mindestens einen großen Vorteil: Es segnet einen mit traumwandlerischer Sicherheit. Nie tappt Bolaño im Dunkeln. Nie ist er verloren. Das System Literatur ist ein Computer, der jede Lochkarte auswertet, die man in seinen Schlitz steckt.

Gleichfalls hat der Charme, den Bolaño versprüht, damit zu tun. Mit der Festigkeit des Fundaments, auf dem er steht. Wo andere in den Bibliothek über Folianten brüten, um unter Qualen ein epigonales Feuilleton hervorzuwürgen, war Bolaño in der Lage, was immer er sah oder hörte, spontan und assoziativ mit der Literatur in Verbindung zu bringen. Und zwar in origineller, halt bolañesker Manier. Mit dem herkömmlichen Literaturgeplapper, dem Geplapper der zweiten, dritten und fünften Reihe, hat das nichts gemein. Bolaño der Autodidakt, der Rebell, das Kompendium.

(2) Die Disziplin Bolaños wird mehrfach von seinen Freunden gewürdigt. Er war ein Mann, der den größten Teil seines Lebens keinen „Erfolg“ hatte (keine Leser, keine namhaften Publikationen etc.). Mit eisernem Willen und ungebrochenem Elan arbeitete er trotzdem weiter. Jahrzehntelang. Er unterließ es keinen Tag, kaum eine Stunde, zu schreiben, zu lesen. An einem Punkt der Diskussion erklärt A.G. Porta, Bolaño habe, als er an den Detektiven arbeitete, bis zu 18 Seiten täglich geschafft (und zudem wusste er bis ins Detail, was sich bei Big Brother ereignet hatte). Die Rede ist von druckreifen Seiten. La literatura nazi verfasste er in einer Osterwoche. Wenn man angesichts dieser Schaffenskraft den Begriff „Genie“ bemühen will, soll man das von mir aus tun, doch mit folgender Präzisierung: 18 Seiten pro Tag, ein Buch in einer Woche, das waren alles andere als ein spontane, genialische Ausbrüche. Das umfassendste Talent wäre nichts gewesen, ohne jahrzehntelanges Schreibtraining. Bolaño selber bezeichnete sich als Marine, als Soldaten der amerikanischen Marine. Darunter verstand er jemanden, der sich für jede Eventualität vorbereit. Die bereits erwähnte E-Mail an Fresán lässt sich ebenfalls nur so erklären, dass Bolaño die spanische Sprache derart zu beherrschen gelernt hatte, dass er druckreife Sätze und Seiten in sagenhaftem Tempo hervorbrachte. Nur zu hoffen, dass aus seinem Nachlass noch vieles uns LeserInnen erreichen wird. Was muss dieser Mann für Briefe geschrieben haben, was für Tagebücher!

Der Aufbruch in ein neues Labrinth

Enrique_Vila-MatasEnrique Vila-Matas behauptet, jeder Schriftsteller und jede Schriftstellerin gehöre zu einer Sphäre. Er z.B. gehöre zur Sphäre von Borges, obschon er seit 30 Jahren nicht mehr Borges gelesen habe.

Was Borges auszeichne: Während andere versuchten in sehr aufwändiger, oft lebenslanger Schweißarbeit kleinste Verbesserungen an der Erzählung des 19. Jahrhunderts vorzunehmen – Vila-Matas nennt Flaubert und Proust –, habe Borges erkannt, dass er nicht in der Lage war, mit Tolstoi zu konkurrieren. Also befühlte er, und das sind jetzt meine Worte, mit seinen Blindenhänden das Mauerwerk, das die literarische Tradition um ihn herum errichtet hatte, suchte es nach einer Ritze ab, die sich zu einem Durchgang erweitern ließ. Borges passierte den Durchgang und begab sich auf den Weg, der selbstverständlich kein Ausweg war, sondern der Aufbruch in ein neues, unendliches Labyrinth.

Es ist zwar Vorherbst, aber trotzdem

Rilkes Vorfrühling rezitiert von Sigrid:

Das Original:

VORFRÜHLING

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

The Poet Must Not Avert His Eyes

Messerkampf

1. The Poet Must Not Avert His Eyes, dahinter steckt ja auch die Idee, dass sich einem etwas über die Welt offenbart, wenn man nur hartnäckig hinsieht. Eine induktive Methode, die funktioniert, solange man vor Ort präsent ist – so Herzog. Der Bericht über die Welt aus zweiter Hand – aus Zeitungen, Büchern, TV usw. – hat dagegen eingebüßt, was der Poet als Material für sein Schaffen benötigt. In ihnen ist die Welt, die etwas zu enthüllen hätte, bereits durch einen Kopf und eine Feder gegangen und während dieses Prozesses ist das, wovor der Poet sein Auge nicht abwenden darf, in den meisten Fällen verzerrt worden oder abhandengekommen. Das poetische Potential der Welt hat sich in einem akademischen Einordnen aufgelöst.

J. L. Borges

Als Gegenbeispiel lässt sich Borges, der argentinische Dichter, anführen. Im Schutz seines umfriedeten Gartens und seiner Bibliothek besang dieser die Messerkämpfe der Gauchos. Nach eigener Aussage glaubte er lange, in den Straßen der tückischen Vorstädten Buenos Aires’ groß geworden zu sein. Doch dem war nicht so. Er ist in den Büchern groß geworden. Mit den Fährnissen Südamerikas kam er auf dem gesicherten Grundstück seiner Kindheit nicht in Berührung.

The Poet Must Not Avert His Eyes ist vor allem auch eine Formel, die nicht die Welt da draußen im Sinn hat, sondern die Welt im Poeten selber, die sogenannte „innere Welt“. Denn das ist überhaupt am schwierigsten, sich dem zu stellen, was man in sich findet oder finden könnte.

WrestleMania

2. Es genügt nicht, furchtlos und fortwährend den Blick auf die Welt zu richten. Herzogs Überlegungen zu WrestleMania, die er in Zusammenarbeit mit Dr. Herb Golder (also doch die Akademie!) entwickelt hat, belegen das. Es ist nicht damit getan, einfach zu sehen. Das tun ja Millionen. Man muss etwas mitbringen, ein Wissen über die Entstehung der griechischen Tragödie in diesem Fall. Erst vor diesem Hintergrund erschließen sich die Wahrheiten über WrestleMania und Anna Nicole Smith. Man braucht also ein Wissen und man braucht die Gabe der Beobachtung (des Schauens, würde Bichsel sagen). Und dann muss man 1 + 1 zusammenzählen und schließlich kommt in Herzogs Fall, das Erzählertalent hinzu.

Das sind die Zutaten der Küche der Wirklichkeit.

3. Ein passendes Herzog-Zitat von anderer Stelle:

Yeah, well, I’m interested in WrestleMania, because I think that Herb Golder, who is here with us, who has worked with me, believes that in WrestleMania there are crude forms of mythology and dramas going on and they are not in the fights. The fights are interrupted by commercials, but when the owner of the—of this whole enterprise shows up in the ring and his wife, allegedly his wife, in black sunglasses and in a wheelchair, is wheeled in and she has become blind because of grief because he, her husband, has four blond babes with breast installations like this on his arm and scolds her and says, “You’re stupid, you don’t have any boobs like this,” and the son steps up and confronts his father, but not in defense of the mother. The son steps up because he wants more of the money, he wants more of the pie of the money, so and I’m convinced that and Herb Golder is convinced that ancient Greek drama had some crude proto-forms that emerged a little bit like that.