Das schweinische ihrer Existenz

EuropaDie Spanier verkünden gern, Iberien sehe auf der Karte aus wie ein Schädel. Meinerseits habe ich diesen Schädel nie finden können. Das macht mich stutzig. Ist nicht verbrieft, dass menschliche Gehirne dazu neigen, noch in die unmöglichsten Formen Gesichter hineinzulesen?

In Träume von Räumen, das ich für fünfzehn Franken in der Buchhandlung Das Narrenschiff bei der Heuwaage in Basel erstanden habe, schreibt George Perec, sein Land, Frankreich, gleiche einem Sechseck, werde auf Landkarten mit Vorliebe violett koloriert und mit einer gestrichelten Linie begrenzt, eine Linie, deren Verlauf, so Perec, über die Jahrhunderte, und speziell im letzten, zu so einigem Ungemach geführt hat.

Ich lese in diesem Buch mit Freude. Es ist mir in seinen visuellen, taktilen und auch in jenen anderen, schwer definierbaren, der Literatur eigenen Beschaffenheiten gefällig. Eine innere Stimme erhebt sich. Sie behauptet, Perecs Werk sei ein großes Werk der Literatur; aber sogleich fällt sie mir in den Rücken, fragend, ob denn Träume von Räumen irgendein handfester Wert zukomme? Ist nicht um ein Vielfaches spannender, was Einstein über den Raum gesagt hat und was er in diesem Zusammenhang über die Lichtgeschwindigkeit äußerte, die im Prinzip keine Geschwindigkeit ist, sondern etwas Ungeheuerliches, etwas, das alles, was Perec mir vorführt oder – ich bin erst auf Seite 13 –, was ich glaube, dass er mir vorführen wird, auf tönerne Füße stellt. Vielleicht ist es so, denke ich. Was Einstein entwickelt hat, was Heisenberg entwickelt hat, was Bohr entwickelt hat, das alles ist um ein Vielfaches spannender als Perecs Büchlein. Doch ich ertrage im Moment eben nur diesen Perec, ertrage ihn gut, sehr gut sogar, Perec ist mir eine Wohltat, womit ich wieder bei einfachen Dingen wie iberischen Köpfen, violetten Sechsecken und gestrichelten Linien angelangt b.in Womit ich auf die eigentliche Pointe zu sprechen komme:

Aus einem hypothetischen All betrachtet gleicht mein Land, im Gegensatz zum Haupt Spaniens und zur geometrischen Abstraktion Frankreichs, einem Schwein, was witzig ist, und, wenn man so will, auch vielsagend, bemerken doch die wenigsten MitbürgerInnen aus der Kurzdistanz ihres irdischen Daseins das Schweinische ihrer Existenz.

Horaz (Quintus Horatius Flaccus): Ars Poetica/Die Dichtkunst

Samuel_Gotthold_Lange_HorazBeim Lesen von Horaz in der orangefarbenen Reclam-Ausgabe fühle ich mich an Roberto Bolaño erinnert. Warum Bolaño? Vermutlich, weil bei Horaz eine vehemente Haltung greifbar wird; und weil Horaz allgemein eine Haltung vom Poeten fordert. In dieser Hinsicht ist es, als ob der Geist des Römers im Chilenen weiterlebte. Seinem Kurzgeschichtenband putas asesinas hat Bolaño ein Horaz-Motto vorangestellt.

Roberto_BolañoDie Ähnlichkeiten zwischen den beiden Männern haben sich damit nicht erschöpft. Sie bestehen zum Beispiel auch in ihrer Argumentationsweise, die keinem Schema folgt oder zu folgen scheint und sich, wie es im Nachwort der Ars Poetica heißt, allen Strukturierungsversuchen entzieht: „Man sieht sich wie durch die improvisierte Rede in einem vertraulichen Gespräch von Gegenstand zu Gegenstand geführt, ohne eine systematische Anordnung zu bemerken. Eindringliche Belehrung wechselt mit launiger Satire, Versenkung ins Detail mit summarischer Eile.“

Der Englische Wikipedia-Artikel zur Ars poetica spricht von einem Gedicht und nicht von einer theoretischen Schrift, ein Gedicht in Form eines Briefes. Bolaño hat seine Ansichten zur Literatur ebenfalls mit Vorliebe in Literatur verpackt, in Gedichte, Erzählungen, Romane und, in geringerem Umfang, in Essays und Kolumnen.

Horaz vertritt die Auffassung, Dichtung müsse sowohl unterhalten als auch belehren. Diese berühmt gewordene Maxime ist zuvor bereits von einem gewissen Neoptolemos von Parion formuliert worden, ein Dichter und Theoretiker aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.

Quintus_Horatius_FlaccusDie Kunde von Neoptolemos, die lange Zeit aus lediglich einer einzigen, wenig aufschlussreichen Referenz des spätantiken Porphyrio bestand, erreicht uns auf abenteuerlichem Weg. Sie findet sich nämlich in einem Buch eines epikurischen Philosophen, welches man bei Ausgrabungen im 18. Jahrhundert in der Bibliothek einer Villa entdeckt hatte. Die Villa gehörte wahrscheinlich einem Mitglied der Pisonensippe, dem Konsul L. Calpurnius Piso. Sie lag in Herculaneum, das 79 n. Chr. zusammen mit Pompeji durch einen Ausbruch des Vesuv verschüttet worden war.

In den geretteten Texten heißt es u.a.: „(11) Homer erfreut und nützt am meisten. / (12) Homer war der größte Dichter.“

Selbst diese Geschichte, für die Horaz nichts kann, weckt Reminiszenzen an Bolaños literarische Schnitzeljagden; und ebenso an diejenigen seines heißgeliebten Vorbilds: Jorge Luis Borges.

Horaz stellt zwei Forderungen an ein vollkommenes Kunstwerk: Einerseits muss es gewisse Kriterien erfüllen, andererseits muss der Dichter die Regeln seines Handwerks beherrschen und die richtige Einstellung zu diesen besitzen. Wiederum im Nachwort wird erläutert, wie Horaz das Bild des „poeta doctus“ prägte, „der die Gesetzte seiner Kunst reflektiert, die großen Muster der Vergangenheit studiert, sein Werk im Ganzen und im Detail immer weiter zu vervollkommnen strebt, auf das kritische Urteil seiner Kollegen hört und bereit ist, Rechenschaft abzulegen; ein Dichterbegriff, der sich scharf von der Vorstellung des spontanen Genies und einsamen Schöpfers unterscheidet, durch die er im 18. Jahrhundert abgelöst wurde.“

Schließlich verbindet Horaz seine Lehre der Dichtkunst mit der Ethik. „Der Ablauf des Gedichtes befördert psychagogisch den Prozeß der Selbstfindung. Das Gedicht sollte zum rechten Leben anleiten; mit der Ars Poetica will Horaz zum rechten Dichten führen und sieht seine Hauptaufgabe als Ratgeber darin, auf die ethische Funktion der Dichtung hinzuweisen.“ Dabei packt er seine Lehre selbst in die Form einer Dichtung.