Alles Vortreffliche ist ebenso schwierig wie selten

Es macht sich immer gut, wenn Klappentexte mit dem 11. September, der Finanzkrise oder Migrationsproblemen aufwarten. Selbst mancher Schriftsteller glaubt, dass bloss noch relevant ist, was mit Terror und Krieg, Börsenkrach und Globalisierung zu tun hat. Offenbar soll Literatur mit journalistischer Eilfertigkeit konkurrieren, um wie beim Hase-Igel-Spiel rufen zu können: Ick bin all hier! Dabei hat ihr nie geschadet, was Hegel für die Philosophie reklamiert, nämlich ein Innehalten, das den Abend abwartet, an dem sich das Gewirr des Tages in anderem Licht zeigt als mitten im Gewühl.

Den ganzen Essay von Karl-Heinz Ott gibt es bei der NZZ.

Rechtspopulismus? Antidotum: das große Ganze, das Glück

Einer der Mängel der modernen höheren Erziehung ist, daß sie zu sehr auf Erwerbung von Spezialkenntnissen hinarbeitet und zu wenig auf eine allgemeine Weitung des Geistes und Herzens durch eine unvoreingenommene Weltanschauung. Jemand, wollen wir annehmen, stürzt sich leidenschaftlich in eine politische Fehde und setzt sich voll und ganz für den Sieg seiner Partei ein. Soweit schön und gut. Doch nun mag es sich ergeben, daß im Laufe des Kampfes eine Möglichkeit zur Besiegung des Gegners auftaucht, die nur durch Methoden erreichbar wird, bei denen Haß, Gewalt und Argwohn in der Welt zunehmen müssen. Es könnte etwa sein, daß das beste Mittel, die Oberhand zu gewinnen, in der Beschimpfung einer anderen Nation liegt. Ein Politiker, dessen geistiger Horizont auf die Gegenwart beschränkt ist oder der sich die Auffassung zu eigen gemacht hat, nur auf Tüchtigkeit und Erreichung des gesetzten Ziels komme es an, wird zu solch zweifelhaften Mitteln greifen. Durch sie wird er in seinem unmittelbaren Vorhaben siegen, wenn auch die weiteren Folgen verheerend sein mögen. Verliert man dagegen nie die abgelaufenen Spannen der Menschheitsgeschichte aus dem geistigen Blickfeld, denkt daran, wie langsam und bruchstückweise der Mensch das Barbarentum abstreifte, wie kurz sein ganzes Dasein im Vergleich mit den astronomischen Epochen ist – haben solche Betrachtungen das gewohnte Weltbild eines Menschen geformt, dann wird er sich klarmachen, daß sein augenblicklicher Kampf nicht von genügender Bedeutung sein kann, um einen Rückschritt in die Nacht der Finsternis zu rechtfertigen, jener Finsternis, aus der wir uns so langsam zum Licht emporgearbeitet haben. Noch mehr: erleidet er eine Niederlage in seinem nächstliegenden Vorhabens, so wird gerade das Gefühl jener kurzen Augenblicksdauer, das ihn auf erniedrigende Waffen verzichten ließ, ihn stärken. Er wird über seine Tageswirksamkeit hinaus weitgesteckte, erst allmählich sich enthüllende Ziele verfolgen, bei denen er nicht ein isoliertes Einzelwesen ist, sondern einer von der großen Armee derer, die die Menschheit einem Kulturdasein entgegenführten. Hat man sich zu dieser Warte emporgeschwungen, so wird man nie ein gewisses tiefes Glücksgefühl missen, wie auch das persönliche Schicksal verlaufen möge. Dann wird das Leben verschmelzen mit dem aller Großen, die auf Erden weilten, und der eigene Tod nicht mehr sein als ein unwesentlicher Vorgang.

– Bertrand Russel: Eroberung des Glücks, 1930